Sie wollen stets das Gute und schaffen stets das Böse. Zur Paradoxalität des sozialen Handelns

Einleitung

Das soziale Handeln weist oft eine Paradoxie auf: Man beabsichtigt etwas, erreicht jedoch das Gegenteil des Beabsichtigten. Wir kennen dieses Phänomen aus der Geschichte und aus der Gegenwart: Man möchte mit einem ambitionierten gesellschaftspolitischen Entwurf die Welt verbessern, erreicht jedoch das Gegenteil davon. Jeder Versuch, ein Paradies auf Erden zu errichten, schaffte die Hölle. Diese Paradoxie kommt offensichtlich nur in der sozialen Welt vor. In der Natur tritt sie nicht auf. Das bekannteste Beispiel für die Paradoxalität des gesellschaftlich-politischen Handelns in der neueren Geschichte betrifft das Errichten einer sozialistischen Gesellschaft in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Die Kommunisten errichteten genau das Gegenteil dessen, was sie ursprünglich beabsichtigt haben.1

In der Gegenwart beobachten wir solche Paradoxalität vorwiegend in der sog. “linken Identitätspolitik”, auch „woke Politik“ genannt, die sich absolute Gleichheit durch den Kampf für die Rechte von Minderheiten an die Fahnen geschrieben hat. Doch diejenigen, die nach Gleichheit streben, schaffen neue Ungleichheiten, diejenigen, die am lautesten nach Toleranz schreien, sind in Wirklichkeit sehr intolerant, diejenigen, die sich am vehementesten gegen den Rassismus aussprechen, sind selber Rassisten, weil sie Menschen in erster Linie nach ihrer Hautfarbe beurteilen und allen Weissen Rassismus unterstellen.2

Doch wie kommt es dazu? Wie ist es zu erklären, dass Menschen sowohl individuell als auch kollektiv etwas beabsichtigen, aber das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken? Im ersten Schritt möchte ich den Begriff der Paradoxie klären. Zweitens werde ich den Begriff der paradoxen Handlung und der paradoxen Intervention in der Individualpsychologie behandeln. Das ist notwendig, um zu fragen, ob individualpsychologische Erklärungen auch in der sozialen Welt Anwendung finden können. Im Hauptteil des Artikels werde ich versuchen, das Phänomen der Paradoxalität des menschlichen Handelns soziologisch zu erklären. Zwar haben einige Soziologen das Problem der Paradoxalität des sozialen Handelns gesehen, konnten es aber nicht befriedigend erklären. Die Erforschung dieses Phänomens steckt in der Soziologie noch in den Anfängen.

1. Was ist eine Paradoxie?

Unter “Paradoxie” verstehe ich einen Widerspruch, allerdings keinen Widerspruch im formallogischen Sinne. Formallogisch besteht ein Widerspruch zwischen zwei Sätzen, die sich zueinander wie Behauptung und Verneinung der Behauptung verhalten, das heißt zwischen zwei kontradiktorischen Sätzen. Beide Sätze können nicht zugleich wahr sein. Beispiel: Eier sind gesund und Eier sind nicht gesund.

Widerspruch im nicht formallogischen Sinne bedeutet Gegensatz.Widerspruch als Gegensatz kann erstens zwischen mentalen Zuständen wie z.B. Vorstellungen/Ideen, Wünschen, Erwartungen und Absichten bestehen. Ein solcher Widerspruch tritt dann auf, wenn ein und dieselbe Person zwei mentale Zustände hat, die in einem Gegensatz zueinander stehen. Zum Beispiel denkt ein und dieselbe Person, dass Toleranz in der Duldung aller Meinungen besteht, eine bestimmte Meinung aber verbieten möchte.

Zweitens kann Widerspruch im Sinne von Gegensatz zwischen in der Welt vorhandenen Sachverhalten, z.B. gesellschaftlichen Kräften, Gruppen und Prozessen, bestehen. In Anlehung an Karl Marx werden solche Widersprüche als dialektisch bezeichnet. Dabei handelt es sich ebenfalls nicht um formallogische Widersprüche, sondern um in der (sozialen) Welt bestehenden Gegensätze, Konflikte und Antagonismen. Immanuel Kant hat für solche Widersprüche den Begriff der Realrepugnanz geprägt.3

Drittens kann Widerspruch im Sinne von Gegensatz zwischen mentalen Zuständen und in der Welt vorhandenen Sachverhalten bestehen. Unter “Welt” vertstehe ich dabei die soziale Welt, obgleich mentale Zustände und die mit ihnen verbundenen oder aus ihnen hervorgehenden Handlungen auch in die natürliche Welt eingreifen und sie verändern können.

Die dritte Art von Widerspruch steht im Mittelpunkt der von mir in diesem Artikel behandelten Problematik. Mentale Zustände wie Absichten verursachen mittels Handlungen etwas in der Welt. Dabei können es sowohl Absichten eines Individuums als auch Absichten, die mehrere Individuen (eine Gruppe von Individuen) teilen, sein: Mit absichtsgeleiteten Handlungen bewirken wir etwas in der Welt. Bewirkt man das Gegenteil des Beabsichtigten, handelt es sich um eine Paradoxie des sozialen Handelns. Sie stellt keinen formallogischen Widerspruch, sondern einen Gegensatz dar, einen Gegensatz zwischen Handlungsabsicht und Handlungseffekt.

2. Paradoxes Handeln in der Individualpsychologie

Paradoxes Denken und Handeln wurde bis jetzt am genauesten in der Individualpsychologie untersucht. Von besonderer Wichtigkeit sind hier die Arbeiten des Psychologen und Psychiaters Viktor Frankl. Er geht davon aus, dass das menschliche Verhalten eine paradoxe Logik aufweist: Je mehr der Mensch nach etwas strebt, je intensiver er etwas herbeiführen möchte, umso mehr verfehlt er es auch schon. In Fankls Worten: “Der zu intensive Wunsch verunmöglicht auch schon, was er so sehr herbeiwünscht.”4

Das übermäßige Verlangen nach etwas, das kramphafte Erzwingenwollen von etwas wird von ihm als Hyperintention bezeichnet. Hyperintendiert wird ein bestimmtes Ziel in der Außenwelt oder eine bestimmte emotionale Lage. Im ersten Fall kann man von extrinsischer, im zweiten von intrinsischer Hyperintention sprechen.

Frankl demonstriert die Paradoxalität des menschlichen Handelns in erster Linie anhand von Psychopathologien wie Angst-, Zwangs- und Sexualneurosen. Doch er zeigt sie auch anhand des Strebens nach Lust, Glück und Selbstverwirklichung. Je mehr man nach Lust strebst, umso mehr vergeht sie einem auch schon. Glücksgefühl wird von Frankl als eine besondere Form des Lustgefühls aufgefasst. Und auch für das Glück gilt: Das übermäßige Streben nach Glück führt zu seinem Ausbleiben. Für das seit Jahrzehnten für viele Menschen in der westlichen Welt zum Lebensmotto gewordene Streben nach Selbstverwirklichung gilt ebenfalls: Je nachdrücklicher der Mensch die eigene Selbstverwirklichung erzielen möchte, umso mehr verfehlt er sie auch schon.5

Offensichtlich weist nach Frankl jedes zu starke Streben nach etwas eine paradoxe Struktur auf. Doch ist diese Verallgemeinerung zulässig? Aus dem Alltag und anderen Bereichen wie der Politik kennen wir genügend Handlungen, bei denen das sehr starke Streben nach etwas zu dem angestrebten Ziel führt, also keinen paradoxen Effekt hat. Das ist meines Erachtens der Grund dafür, warum Frankl in seinen Schriften immer wieder eine Einschränkung macht: Die paradoxe Verhaltensweise ist vor allem für neurotische Menschen charakteristisch.6

Dementsprechend demonstriert Frankl die Paradoxalität des menschlichen Handelns hauptsächlich anhand von neurotischen Patienten. Da aber für ihn das neurotische Verhalten ein Markenzeichen unserer Zeit ist, betrifft es nicht nur eine kleine Gruppe von Menschen, sondern die meisten Menschen in unserer Gesellschaft. Ob es die meisten Menschen tatsächlich betrifft, müsste eine empirische Untersuchung zeigen. Eine solche wird von Frankl nicht geleistet. Auf jeden Fall ist Angst der entscheidende Faktor beim Auftreten von paradoxen Effekten.

Betrachten wir Frankls Ausführungen zu Neurosen. Im Falle von Angstneurosen beabsichtigt der Patient, das Auftreten von bestimmten Symptomen (zum Beispiel Panikattacken, Schlafstörungen) zu unterbinden.7 Je intensiver er es wünscht, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die zu vermeidenden Symptome wieder auftreten. Hierbei entsteht bei dem Patienten die Erwartungsangst, die Absicht könnte fehlschlagen und die Symptome könnten wieder auftreten. Und die Erwartungsangst führt dazu, dass die Symptome dann auch tatsächlich wieder auftreten.

Der Patient erwartet, dass das von ihm Beabsichtigte nicht eintreffen wird. Diese Erwartung ist mit starken Angstgefühlen verbunden, die den Patienten hemmen, so dass er die Absicht sozusagen fallen lässt und in die gewohnte Symptomatik zurückfällt. Anstatt von Erwartungsangst möchte ich lieber von Befürchtung sprechen. Der Patient befürchtet, seine Absicht könnte fehlschlagen – und sie schlägt dann auch aufgrund seiner Furcht fehl.

Ein gutes Beispiel dafür ist der starke Wunsch einzuschlafen. Will jemand unbedingt schnell einschlafen, so kann mit höchster Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass er nicht einschlafen wird. Er befürchtet, dass er nicht einschlafen könnte und diese Furcht bringt ihn um den Schlaf, denn sie ist der Gegensatz zum Schlaf, das heißt zum Zustand der tiefsten Entspannung.

Im Falle von Zwangsneurosen versucht der Patient, gegen die auf ihn einwirkenden Zwangsvorstellungen abwehrend anzukämpfen. Je mehr er dies tut, umso häufiger und intensiver treten sie wieder auf. Druck erzeugt bekanntlich Gegendruck.8 Auch bei Zwangsneurosen spielt die Befürchtung, die Zwangsvorstellungen könnten wieder auftreten und ein Kampf gegen sie aussichtslos sei, eine wichtige Rolle.

Am deutlichsten lässt sich nach Frankl die Paradoxalität des menschlichen Verhaltens anhand von Sexualneurosen aufzeigen.9 Der Patient kämpft im Falle von Sexualneurosen nicht gegen, sondern um etwas, und zwar um die sexuelle Lust. Dieser Kampf ist mit einer Hyperintention, mit dem forcierten Verlangen nach dem Gelingen des Sexualakts, verbunden. Der Patient ist in der Vergangenheit aus irgendeinem Grund seiner Leistungsfähigkeit unsicher geworden. Wenn die Leistung verstärkt verlangt wird, wird er sich seiner Leistungsfähigkeit erst recht unsicher.

An dieser Stelle tritt der Mechanismus der Erwartungsangst deutlich zum Vorschein: Sobald der Patient eine Sexualleistung von sich erwartet oder die Leistung von ihm von außen erwartet wird, treten der Erwartungsdruck und die Angst vor dem Misserfolg ein. In Frankls Worten:

“Typischerweise hofft der Kranke nach dem ersten Versagen noch zaghaft, dass es beim zweiten Mal nicht wieder dazu kommen werde; beim zweiten Versagen jedoch fürchtet er bereits, dass es beim dritten Mal zu einem Versagen kommen würde; und beim dritten Versagen schließlich ist er schon bereits überzeugt davon, dass es künftighin jedes Mal, wenn er es nur darauf ankommen lässt, zum Vorsagen kommen wird! Damit ist der unselige Circulus vitiosus auch schon geschlossen: die Furcht bedingt ihren Gegenstand, das Eintreten des Gefürchteten – das Eintreten des Gefürchteten vergrößert immer wieder die Furcht. So entsteht im Kranken eine fatalistische Überzeugung von der Unaufhebbarkeit seiner Krankheit, und alle seine Misserfolge scheinen diese Überzeugung immer mehr und mehr nur zu bestätigen.”10

Als Kritik an Frankls Erklärung der Paradoxalität des Handelns bleibt Folgendes anzumerken: Frankl erklärt, warum bestimmte Absichten fehlschlagen, also nicht verwirklicht werden. Erwartungsdruck verursacht Erwartungsangst. Die Erwartungsangst wie Angst generell hemmt das Handeln (und das Denken). Die Absicht wird nicht verwirklicht oder die Handlung, mit deren Hilfe sie verwirklicht werden soll, kommt gar nicht zustande. Frankl erklärt demnach, warum Absichten fehlschlagen, er erklärt aber nicht hinreichend, warum es zu paradoxen Effekten kommt, also warum eine Absicht das Gegenteil des Beabsichtigten zur Folge hat. Ein Beispiel: Ein Patient hat die Absicht abzunehmen. Er nimmt jedoch nicht ab, sondern hält sein bisheriges Gewicht. Seine Absicht abzunehmen schlägt fehl, aber er erreicht damit keinen paradoxen Effekt. Dieser Effekt liege dann vor, wenn der Patient zunehmen würde.

Kommen wir zu der Frage, wie der Teufelskreis der Erwartungsangst gesprengt werden kann. Die Beantwortung dieser Frage ist wichtig, denn später sollten wir erläutern, ob die von Frankl vorgeschlagenen Methodem auch auf die soziale oder sogar politische Welt übertragen werden können.

Um das paradoxe Vehalten aufzuheben, schlägt Frankl die Technik der paradoxen Intention, also wie der Name schon sagt, ebenfalls eine paradoxe Vorgehensweise vor. Der Patient wird angewiesen, genau das, wovor er sich so fürchtet, nunmehr zu intendieren. Anders formuliert: Das jeweils Gefürchtete soll paradoxerweise intendiert werden. Dabei wird nicht die Angst selbst intendiert, sondern der jeweilige Inhalt bzw. Gegenstand der Angst, das heißt das Wovor der Angst. Damit wird die Angst ad absurdum geführt, ihr der Wind aus den Segeln genommen. Durch die Anwendung der paradoxen Intention wird der Patient in den Stand gesetzt, die Angst und ihre Symptome nicht abzuwehren, sondern sie zu akzeptieren, sie in einem weiteren Schritt zu ironisieren und sich schließlich von ihnen zu distanzieren. Die Distanzierung führt wiederum zur emotionalen Entlastung des Patienten. Sie ermöglicht ihm, mit seiner Angst und dem Wovor der Angst umzugehen.

Frankl zeigt die Anwendung der paradoxen Intention anhand von Beispielen aus seiner therapeutischen Praxis. Der Patient, der an Schlafstörungen leidet, wird angewiesen, nicht einzuschlafen und die ganze Nacht wach zu bleiben. Statt zu schlafen, soll er zum Beispiel die ganze Nacht ein Buch lesen. Frankl berichtet, dass Patienten, die dieser Anweisung folgen, in der Regel dann problemlos einschlafen.11

Dieses Beispiel zeigt, dass die spezifische Erwartungsangst des Schlafgestörten, die Angst, nicht einzuschlafen, mittels der paradoxen Intention gesprengt werden kann. Wenn der Patient nicht schlafen will, das heißt, wenn er scheinbar die Schlaflosigkeit intendiert, verliert er dann die Angst vor ihr und ist somit auf dem besten Weg einzuschlafen.

Im Falle von Sexualneurosen wird der Patient aufgefordert, sich den Koitus nicht vorzunehmen, auf ihn zu verzichten. Vielmehr soll er es bei flüchtigen Zärtlichkeiten im Sinne des sexuellen Vorspiels bewenden lassen. Auf diese Weise ergibt sich der Koitus in den meisten Fällen wie von selbst. Der Patient wird darüber hinaus angewiesen, seiner Partnerin mitzuteilen, dass ihm der Therapeut ein striktes Koitusverbot erlassen habe. Mit diesem Schritt soll erreicht werden, dass seitens der Partnerin vom Patienten nichts erwartet wird. Dadurch wird er von dem Druck sexueller Forderungen seitens der Partnerin weitgehend befreit. Der Erwartungsdruck und die Erwartungsangst schwinden. In Wirklichkeit handelt es sich natürlich um ein scheinbares Koitusverbot; der Patient soll sich Zeit lassen und über kurz oder lang nicht an es halten, sondern sich – befreit von Erwartungsdruck und Erwartungsangst – sexuell wieder engagieren.12

Ähnliches gilt für das Streben nach Glück. Oben wurde festgestellt: Das übermäßige Streben nach Glück führt zu seinem Ausbleiben oder gar zu Vermehrung und Steigerung von Leiden. Das Glück kann daher kein Ziel, sondern nur ein Nebeneffekt des sinnvollen Handelns sein. Nur wenn der Mensch eine Aufgabe hat, kann er glücklich werden. In anderen Worten: Glück ergibt sich als Nebeneffekt eines in die Außenwelt gerichteten, sinnvollen, also von einer Aufgabe erfüllten Handelns.

Es empfiehlt sich, im Zusammenhang mit der Glücksproblematik die Rolle des Leidens zu erörtern. In unserer hedonistischen Gesellschaft ist für viele Menschen das Erzeugen von Lust und die Herbeiführung von Glück, also das Vermeiden von Leiden, das oberste Ziel. Für Frankl ist hingegen Lebensgestaltung und Sinnfindung trotz Leidens oder sogar durch Leiden möglich. Er spricht in diesem Zusammenhang vom “Mut zum Leiden”.13 Die Akzeptanz und das Aushalten von Leiden wäre dann die richtige Lebensstrategie. Das Leiden ist prinzipiell nicht notwendig. Es ist nur dann notwendig, wenn seine Ursachen nicht behoben werden können. Solche Ursachen können physischer, psychischer und sozialer Art sein.

Denkt man den Gedanken der Paradoxalität des menschlichen Verhaltens zu Ende, so müsste eigentlich die absichtliche Steigerung von Leiden zu seiner Minderung führen. Oft ist es aus psychologischer Sicht sinnvoll, Ängste, Frustrationen, Enttäuschungen usw. absichtlich hervorzurufen; der Patient soll mit ihnen konfrontiert werden, um sie besser bewältigen zu können. In der psychotherapeutischen Praxis wird solche Vorgehensweise als Konfrontationsmethode bezeichnet. Das Aushalten des Leidens und gegebenenfalls seine Steigerung kann demnach seine Minderung oder sogar Aufhebung zur Folge haben.

3. Paradoxes soziales Handeln

3.1 Gründe für die Nichtbehandlung

Der US-amerikanische Soziologe Robert K. Merton schrieb vor fast hundert Jahren über das paradoxe soziale Handeln, “dass zwar der Vorgang weitgehend bekannt ist und seine Bedeutung richtig eingeschätzt wird, eine systematische Behandlung aber immer noch aussteht”.14 Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Offensichtlich gibt es starke Widerstände, dieses Phänomen zu erforschen. Aus politischen Gründen ist es wirkungsvoller, von der Geradelinigkeit sozialer Entwürfe auszugehen. Die Erforschung der Paradoxalität des sozialen Handelns stört darüber hinaus ideale und utopische Gesellschaftsentwürfe, die auf totale Planbarkeit sowie Machbarkeit setzen und absolute Gleichheit sowie Gerechtigkeit anstreben. Der Glaube an ideale Gesellschaftsordnungen ist offensichtlich tief in der Bedürfnisstruktur des Menschen und in der Geschichte der Menschheit verankert.

Der heute in den Geistes- und Sozialwissenschaften herrschende Sozialkonstruktivismus läuft der Erforschung der Paradoxalität des sozialen Handelns ebenfalls zuwider, und das in mehrfacher Hinsicht. Der Sozialkonstruktivismus geht davon aus, dass Konstruktion die bewusste, willentliche, absichtliche, planvolle und zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindende Erzeugung der sozialen Welt ist.15 In dieser Bestimmung der Konstruktion kommt die Idee der totalen Machbarkeit der sozialen Welt deutlich zum Ausdruck.

Manche Vertreter des Sozialkonstruktivismus wie die Genderkonstruktivistin Judith Butler behaupten sogar, dass mittels sprachlicher Handlungen, mittels “Diskurse” nicht nur die soziale, sondern auch die physikalische, die raum-zeitliche Welt konstruiert wird. Mit sprachlichen Handlungen bewirken wir Veränderungen in der raum-zeitlichen Welt. Die Realität wird durch Diskurse hergestellt.16 Das Geschlecht wird von Butler als eine soziale Konstruktion aufgefasst, und zwar nicht nur das soziale (gender), sondern auch das biologische Geschlecht (sex). Es wird immer wieder diskursiv erzeugt und gestaltet.

Der Sozialkonstruktivismus ist nicht nur eine Theorie, sondern auch eine politische Praxis. Er möchte die gesellschaftlich-politische Realität verändern. Dabei folgt er – wenigstens der Rhetorik nach – einem idealen Gesellschaftskonzept, nach dem es keine Diskriminierung von Minderheiten geben soll. Vielfalt (Diversity), totale Gleichheit und Gerechtigkeit stehen auf den Fahnen der Sozialkonstruktivisten, wobei es sich dabei um die Vielfalt von (bestimmten) Gruppen, nicht um die Vielfalt von Individuen. Gleichheit und Gerechtigkeit beziehen sich ebenfalls auf Gruppen, nicht auf Individuen. Tatsächlich handelt es sich um eine Politik, die die Interessen bestimmter Gruppen in den Mittelpunkt stellt, das heißt um eine Lobby- und Klientelpolitik, die neue Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten schafft.

3.2 Klärung der Grundbegriffe

Ich gehe davon aus, dass die Analyse sozialer Phänomene, auch der Gruppen und Gruppenabsichten, als “Untersuchung von Individuen und deren Handlungen und Beziehungen durchgeführt werden sollte.”17 Mit Karl R. Popper möchte ich jedem Essentialismus in der Soziologie eine Abfuhr erteilen. Es ist demnach nicht sinnvoll, vom “Wesen” oder “Willen” einer Gruppe zu sprechen, weil solche Wesenheiten sich empirisch nicht überprüfen lassen.

Eine Gruppe besteht aus Individuen. Individuen haben gemeinsame Absichten (Intentionen), das heißt Absichten, die sie teilen, Individuen stehen in Beziehungen zueinander und handeln gemeinsam. All das läßt sich empirisch aufzeigen.

Den Begriff der Absicht verwende ich synonym mit dem der Intention. Eine Absicht ist ein mentaler Zustand eines Individuums. Mit einer Absicht wird mental ein Ziel anvisiert. Das anvisierte Ziel muss vom tatsächlich erreichten Ziel unterschieden werden. Beispielsweise muss die Absicht, an Gewicht zu verlieren, von dem tatsächlich erreichten Ziel der Gewichtsabnahme unterschieden werden.

Absichten leiten Handlungen. Deshalb spricht man von absichtsgeleiteten Handlungen. Einige Handlungstheoretiker sprechen sogar davon, dass Absichten Ursachen von Handlungen sind. Wir hätten dann bei einer Handlung die Verursachungskette Handlungsabsicht-Handlungsvollzug-Handlungsfolge.

Mit Absichten sind Erwartungen verbunden. Habe ich die Absicht abzunahmen, so erwarte ich, dass ich dann tatsächlich abnehmen werde. Erwartungen sind Antizipationen von Handlungsfolgen.

Eine Absicht ist individuell, wenn ihr nur eine Person folgt. Sie ist kollektiv bzw. gruppenbezogen, wenn ihr mehrere Personen folgen. Das gilt auch für Erwartungen: Eine Erwartung ist individuell, wenn sie nur eine Person hat, kollektiv, wenn sie mehrere Personen teilen. Im Folgenden werden wir uns mit der zweiten Art von Absichten und Erwartungen beschäftigen.

Sie sind für das soziale Handeln im engeren Sinne des Wortes und – was für uns zentral ist – das politische Handeln von Bedeutung, obgleich auch individuelle Absichten und Handlungen, das heißt Handlungen, die von einer Person ausgeführt werden, einen sozialen Charakter haben und in die soziale Welt eingreifen können.

Führt eine Handlung nicht zu dem beabsichtigten Effekt, so sprechen wir von unbeabsichtigter (nicht-intendierter) Handlungsfolge. Führt eine Handlung zum Gegenteil des Beabsichtigten, so sprechen wir von paradoxem Handlungseffekt (die Begriffe Handlungsfolge und Handlungseffekt verwende ich hier synonym).

Paradoxe Handlungsfolgen treten nicht zufällig, sozusagen aus heiterem Himmel auf. Es gibt Gründe für ihr Auftreten. Deshalb ist es wichtig hervorzuheben, dass zwischen Absichten und paradoxen Handlungsfolgen eine kausale Relation besteht, das heißt eine Ursache-Wirkung-Relation, ansonsten hätte es keinen Sinn, von paradoxen Handlungsfolgen zu sprechen. Absichten und absichtsgeleitete Handlungen sind Ursachen für Handlungsfolgen (Wirkungen). Die kausale Zurechnung muss in jedem untersuchten Fall empirisch nachgewiesen werden.

Es ist ferner wichtig zu zeigen, dass Absichten und Handlungsfolgen tatsächlich in einem paradoxen Verhältnis zueinander stehen, denn im Nachhinein können paradoxe Handlungsfolgen als nicht paradox interpretiert werden. Merton spricht in solchen Fällen von “rationalen Erklärungen”.18 Beispielsweise wurden in den kommunistischen Staaten des ehemaligen Ostblocks paradoxe Handlungsfolgen nicht als paradox aufgefasst. Das hatte oft den Charakter einer Ausrede, warum die beabsichtigten Ziele nicht erreicht wurden bzw. das Gegenteil des Beabsichtigten eingetreten ist. So beabsichtigte man in den kommunistischen Staaten – Karl Marx folgend – weniger Staat oder gar die Abschaffung des Staates. Die Folge der von den Kommunisten durchgeführten Politik war jedoch ein Staat, der alle Bereiche der Gesellschaft kontrollierte: ein totaler Staat. Die Kommunisten haben diese und andere Folgen ihrer Politik damit erklärt (rationalisiert), dass es in einer bestimmten Phase der historischen Entwicklung oder in einer bestimmten geopolitischen Situation notwendig ist, einen starken Staat zu haben, um die Feinde des Sozialismus im Äußeren wie im Inneren zu bekämpfen.

Eine weitere Schwierigkeit bei der Behandlung der Paradoxalität des sozialen Handelns besteht darin, dass die Ursachen für paradoxe Handlungsfolgen nicht nur bei den Handelnden, also in ihren Absichten, Erwartungen und Dispositionen, sondern auch in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen liegen können. Es sind zum Beispiel ökonomische Verhältnisse, die das Denken und Handeln von Individuen oder Gruppen von Individuen bedingen. Es ist, um ein anderes Beispiel zu nennen, die mediale Berichterstattung, die die Urteilskraft und das Handeln von Individuen beeinflussen. Beide Seiten, die Handlungsebene und der Einfluss von größeren makrosoziologischen Verhältnissen und Prozessen auf diese Ebene sind zu berücksichtigen, um die Paradoxalität des sozialen Handelns zu erklären.

3.3 Bedingungen für das Auftreten von unbeabsichtigten und paradoxen Handlungsfolgen

Meines Erachtens gehört es zu den Hauptaufgaben des Soziologen, sich mit dem Phänomen der nicht-intendierten/paradoxen Handlungsfolgen zu beschäftigen, denn damit kommen soziale Mechanismen, die bis dahin im Dunkeln lagen, zum Vorschein. Die Erklärung dieses Phänomens würde nicht nur zum besseren Verständnis des sozialen Handelns führen, sondern könnte darüber hinaus als Leitfaden für die politische Praxis dienen. Würde man dieses Phänomen erklären, könnten politische Fehlentscheidungen und -entwicklungen vermieden werden. Robert K. Merton hat die bis heute differenzierteste Analyse der unbeabsichtigten und paradoxen Handlungsfolgen vorgelegt. Er analysiert Bedingungen, unter denen solche Handlungsfolgen auftreten. Im Folgenden werde ich die von ihm genannten und über ihn hinausgehenden weiteren Bedingungen untersuchen.

Merton behandelt vorwiegend kognitive Bedingungen für das Auftreten von paradoxen Handlungsfolgen. Als erste wird von ihm der Wissensmangel genannt. Besitzen wir nicht genügend Kenntnisse über eine bestimmte Situation, so können wir gar nicht oder nur in geringem Maße Voraussagen über das Auftreten von Handlungsfolgen machen. In der Regel handeln wir nicht auf der Grundlage von gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern von Meinungen, aber auch von Hoffnungen, Wünschen, Einschätzungen und Präferenzen.19

Merton nennt im Zusammenhang mit dem Faktor Wissensmangel auch den Faktor Ignoranz. Bestimmte Informationen werden von Handelnden ignoriert, das heißt außen vor gelassen, so dass ein umfassender Wissensstand über die entsprechende soziale Situation nicht erreicht werden kann. Ignoranz führt zur einseitigen Betrachtung und Beurteilung der Situation.

Für die Ignoranz kann es wiederum viele Gründe geben. Neben den oben bereits genannten (Hoffnungen, Wünschen, Vorlieben und Präferenzen) sind es Gründe wie eine bestimmte Wertorientierung/Gesinnung und die mit ihr meist zusammenhängende weltanschauliche (ideologische) Voreingenommenheit, Gründe, die von Merton allerdings nicht weiter untersucht werden.

Daneben gibt es noch Gründe, die in der umfassenden Struktur der Gesellschaft liegen, zum Beispiel in der medialen Berichterstattung. Die mediale Manipulation hat einen großen Einfluss darauf, was die Handelnden interessiert und was sie außen vor lassen. Somit beeinflusst sie den Wissensstand der Handelnden.

Zum Beispiel wird in der medialen Darstellung des Klimawandels hauptsächlich auf die von Menschen verursachten Klimaveränderungen hingewiesen. Bezahlt wird fast ausschließlich Forschung, die sich mit dem “menschengemachten Klimawandel” beschäftigt.20 Andere Faktoren für den Klimawandel wie der Einfluss der Sonne, der Ozeane und der Pflanzenwelt werden kaum berücksichtigt. Die mediale Darstellung dieses Themas ist somit sehr einseitig. Die Folge davon kann nur ein Wissensmangel sein, der dann wiederum höchstwahrscheinlich paradoxe Effekte in der Klimapolitik nach sich ziehen wird.

Eine weitere Berdingung für das Austreten von paradoxen Handlungsfolgen ist die Komplexität der Situation, genauer: das Nichterkennen dieser Komplexität. Auch wenn wir über eine bestimmte Situation Bescheid wissen, also genügend Informationen über sie besitzen, so können wir doch nicht alle Faktoren erblicken, die diese Situation bestimmen. Oft gibt es viele Faktoren, die uns auf dem heutigen Stand der Wissenschaft noch gar nicht bekannt sind. Die Geschichte ist voller Beispiele für dieses Phänomen. Lange Zeit konnten viele astronomische Berechnungen nicht durchgeführt werden, weil den Forschern das dafür nötige Wissen und die dafür nötigen Instrumente fehlten.

An dieser Stelle möchte ich hervorheben, dass soziale Utopien, die von der umfassenden Planbarkeit oder gar “Programmierbarkeit” des sozialen Handelns ausgehen, aufgrund der Komplexität der modernen Gesellschaften nicht realisierbar sind.

Der soziologisch interessierte Philosoph Karl R. Popper spricht sogar von doppelter Komplexität sozialer Phänomene. Erstens können sie im Gegensatz zu Naturphänomenen nicht künstlich isoliert werden, zweitens beruht das soziale Leben auch auf Naturerscheinungen, das heißt auf psychischen Phänomenen, die wiederum biologische Prozesse voraussetzen, und die biologischen Prozesse unterliegen ihrerseits physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Die Soziologie steht in der Hierarchie der Wissenschaften sozusagen “an letzter Stelle” und das zeigt uns die unglaubliche Komplexität der Faktoren, die die soziale Welt bestimmen.21

Es lässt sich sogar folgende Regelmäßigkeit feststellen: “Je höher die Komplexität einer sozialen Konfiguration, desto weniger stimmen die Ergebnisse individueller Aktionen mit den Intentionen irgendeines der Handelnden überein.”22

Die nächste Bedingung für das Zustandekommen der paradoxen Folgen des sozialen Handelns ist nach Merton der Irrtum. Er kann in jeder Phase der intendierten Handlung auftreten: Man kann erstens in der Einschätzung der gegenwärtigen Situation irren, zweitens in dem Entschluss zur Handlung, drittens in den Schlussfolgerungen aus der gegenwärtigen Situation auf die Zukunft und viertens in der Ausführung der Handlung.23

Ein Trugschluss, der oft vorkommt, liegt in der Annahme, dass Handlungen, die in der Vergangenheit zu dem beabsichtigten Effekt führten, auch in Zukunft denselben Effekt erbringen werden. Merton spricht in diesem Zusammenhang vom “Mechanismus der Gewohnheit”. Gewohnheitsmäßige Handlungen werden “automatisch” und “unüberlegt” durchgeführt, weil sie in der Vergangenheit mit Erfolg abgeschlossen wurden. Der Handelnde erkennt nicht, “dass Vorgänge, die unter bestimmten Bedingungen erfolgreich gewesen sind, nicht unter allen Bedingungen erfolgreich sein müssen”.24 Der Faktor Irrtum hängt aufs Engste mit dem oben bereits besprochenen Faktor Unwissenheit zusammen. Der Irrtum reicht vom Übersehen bis zur absichtlichen Weigerung, bestimmte Aspekte der Situation zu berücksichtigen (Ignoranz).

Der letzte Faktor, der das Auftreten von paradoxen Handlungsfolgen bedingt, ist die Verwechslung von Wertorientierung bzw. Gesinnung und Wirklichkeit. Dieser Faktor ist für uns von besonderer Wichtigkeit, deshalb soll er im Folgenden gesondert behandelt werden.

3.4 Gesinnung und Realität

Werte sind Ideale, wie zum Beispiel Gleichheit, Gleichberechtigung, Freiheit, Emanzipation, Toleranz, Brüderlichkeit und Solidarität. Normen sind konkrete Handlungsvorschriften, die auf Werte zurückgeführt werden. Zu jedem Wert gibt es Normen, mittels derer ein Wert verwirklicht werden kann. Zu dem Wert der Gerechtigkeit gibt es die Norm, “Man sollte Menschen gleich behandeln”, zu dem der Toleranz die Norm “Man sollte auch Meinungen tolerieren, die der eigenen widersprechen”, zu dem der Freiheit (Meinungsfreiheit) die Norm “Jeder sollte seine Meinung ungehindert öffentlich äußern dürfen” usw. Ich werde im Folgenden einfachheitshalber nur von Werten schreiben, die Normen als Mittel der Realisierung von Werten aber mitmeinen.

Werte sind je nach der vertretenen Handlungstheorie etwas Ideelles oder etwas Mentales. Ob sie das eine oder das andere sind, ist jedoch für unseren Zusammenhang nicht von Bedeutung.

Werte beziehen sich auf die Wirklichkeit, wobei unter “Wirklichkeit” die objektive, empirisch feststellbare Realität gemeint ist. Werte werden im Handeln verwirklicht. Zu der von Merton so genannten “Verwechslung von Werten und Wirklichkeit” kommt es dann, wenn Handelnde bei der Verwirklichung von Werten die möglichen Handlungsfolgen nicht oder nicht ausreichend berücksichtigen. Eine bestimmte Handlung wird dabei alleine aufgrund von fundamentalen Werten als “notwendig” empfunden.25 Mit anderen Worten: Handlungsrelevant sind Werte und nicht die objektive Realität, zu der die Handlungsfolgen wesentlich gehören.

Die einseitige Fixierung auf Werte ist nach Merton eine Bedingung für das Auftreten von paradoxen Handlungsfolgen. Aufgrund der Nichtberücksichtigung von Handlungsfolgen werden Werte nicht nur nicht realisiert, sondern auch desavouiert, verneint und in ihr Gegenteil verkehrt: Aus Gleichheit wird Ungleichheit, aus Gerechtigkeit Ungerechtigkeit und aus Toleranz Intoleranz.

Die einseitige Fixierung auf Werte kann in Anlehnung an Max Weber Als Gesinnungsethik bezeichnet werden, wobei Gesinnung als ein Konglomerat von Werten, ein mehr oder weniger konsistentes Wert-Gebäude zu verstehen ist. Gesinnungsethisch ist eine Handlung, die sich an Werten, aber auch an Motiven und Interessen des Handelnden, die stark subjektiv gefärbt sein können, orientiert.26

Das Pedant zur Gesinnungsethik ist Weber zufolge die Verantwortungsethik, nach der bei der Verwirklichung von Werten die zu erwartenden Handlungsfolgen in den Vordergrund rücken.

Weber führt die Unterscheidung zwischen der Gesinnungs- und Verantwortungsethik im Kontext einer Analyse des rationalen politischen Handelns ein. Während der gesinnungsethisch handelnde Politiker seine Handlungen aus ethischen und moralischen Überlegungen ableitet und sich von den zu erwartenden Handlungsfolgen nicht leiten läßt, seine Ziele oft mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln durchsetzt, orientiert sich der verantwortungsethisch handelnde Politiker in erster Linie an den möglichen Konsequenzen seines Handelns.

Offensichtlich besteht ein Zusammenhang zwischen der Stärke der Gesinnung und der Häufigkeit des Auftretens von paradoxen Handlungsfolgen: Je stärker die Gesinnung, umso häufiger treten paradoxe Handlungsfolgen auf. Das kann anhand von gesellschaftlichen Prozessen in Geschichte und Gegenwart beobachtet werden (siehe unten).

Oben habe ich Viktor Frankls individualpsychologische Erklärung von paradoxen Handlungsfolgen dargelegt. Frankl bindet das Auftreten von paradoxen Handlungsfolgen an die Stärke der mit absichtsvollen Handlungen verknüpften Erwartungen. Je stärker die Erwartung, je stärker der von innen oder von außen kommende Erwartungsdruck, desto stärker die mit der Erwartung verbundenen Angst, die Erwartungsangst, und desto größer die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von paradoxen Handlungsfolgen, also die Wahrscheinlichkeit, dass das Gegenteil des Beabsichtigten auftritt.

Erwartungen sind zentrale Bestandteile der Handlungskette Absichten-Erwartungen-Handlungsvollzug-Handlungsfolgen. Wir erinnern uns: Mit Absichten werden Ziele anvisiert. Absichten werden von Erwartungen begleitet. Erwartungen sind gedankliche (mentale) Antizipationen von Handlungsfolgen. Eine Absicht ist individuell, wenn ihr eine Person hat, sie ist kollektiv, wenn sie mehrere Personen teilen. Nur kollektive Absichten und kollektive Erwartungen sind für uns von Interesse. Auch mit der Absicht, Werte zu verwirklichen, sind Erwartungen verbunden, Erwartungen, dass die Werte dann auch tatsächlich verwirklicht werden. Für das Phänomen des Auftretens von paradoxen Handlungsfolgen ist es entscheidend, dass der Erwartungsausgang – in unserem Fall die tatsächliche Realisierung von Werten – von den Erwartungen der Handelnden, ihren erwartungskonformen Handlungen bestimmt wird.

Absichten sind rein kognitiver, Erwartungen hingegen auch emotionaler Art. Zu den letzteren gehört der Glaube an die eingeforderten Werte, daran, die Werte realisieren und die externe Realität durch erwartungskonforme Handlungen verändern zu können. Hinsichtlich der Realisieurng von Werten wird auf die Mitglieder einer Gruppe von außen und/oder von innen Erwartungsdruck ausgeübt. Dieser Druck erhöht die Erwartungsstärke. Die Erwartungsstärke ist der Grad des Glaubens, ein Wert oder ein Konglomerat von Werten werde eintreten. Weitere Faktoren, die die Erwartungsstärke bestimmen, sind die gesellschaftliche Relevanz der erwarteten Verwirklichung von Werten bzw. die Relevanz des Gesellschaftsentwurfs, in dessen Zentrum die Verwirklichung von Werten steht, und die Größenordnung und die Reichweite der erwarteten gesellschaftlichen Veränderungen. Bei totalitären, d.h. auf das Ganze der Gesellschaft, auf alle ihre Bereiche ausgedehnten Entwürfen kann von maximaler Größenordnung und Reichweite gesprochen werden.

Auch der Grad der persönlichen Involviertheit der einzelnen Akteure in die Realisierung von Werten muss als ein wichtiger Faktor genannt werden. Akteure, die persönlich stärker involviert sind, zum Beispiel solche, die bei der Realisierung von Werten im Rahmen einer politischen Agenda führende Positionen innehaben und für die Durchführung der Agenda verantwortlich sind, hegen stärkere Erwartungen als bloße Mitläufer.

Erwartungsstärke bedingt das Auftreten von Erwartungsangst als dem entscheidenden Faktor für das Zustandekommen von paradoxen Handlungseffekten. Wir stellen auch im sozialen Handeln die Kette Erwartung-Erwartungsdruck-(erhöhte) Erwartungsstärke-Erwartungsangst fest. Mit Erwartungen geht ein Angsgefühl, die Angst, das Beabsichtigte könnte nicht eintreten, also die Angst vor Misserfolg einher.

Fußnoten

1Aus der Absicht, eine klassenlose Gesellschaft zu errichten, ist eine neue Klassengesellschaft entstanden, die aus der Klasse der privilegierten Parteifunktionäre und der des „gemeinen Volkes“ bestand; aus der Absicht, den Staat abzuschaffen, ist ein allmächtiger Staat hervorgegangen; aus der Absicht, eine „Volksdemokratie“ einzurichten, ist eine Diktatur der Parteiführung geworden. Vgl. Heinz Kallabis, „Realer Sozialismus“ – Anspruch und Wirklichkeit. Analyse, Alternativen, Illusionen, Berlin 1990, S. 5ff.

2Vgl. Sahra Wagenknecht, Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt, Frankfurt am Main 2021. Judith Sevinc Basad, Schäm Dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist, Frankfurt am Main 2021. Alexander Marguier, Ben Krischke (Hrsg.), Die Wokeness-Illusion. Wenn Political Correctness die Freiheit gefährdet, Freiburg/Basel/Wien 2023.

3Über die unterschiedlichen Bedeutungen von “Widerspruch” vgl. Günther Patzig, “Widerspruch”, in: Hermann Krings/Christoph Wild (Hrsg.), Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Bd. 6, München 1974, S. 1698.

4Viktor Frank, Logotherapie und Existenztherapie. Texte aus sechs Jahrzehnten, Berlin/München 1994, S. 161.

5Viktor Frankl, Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie, Bern 1975, S. 16.

6Viktor Frankl, Theorie und Therapie der Neurosen. Einführung in Logotherapie und Existenzanalyse, München 19754.

7Viktor Frankl, Die Psychotherapie in der Praxis. Eine kasuistische Einführung für Ärzte, München/Zürich 19865, S. 153ff.

8Ebd., S. 163ff.

9Ebd., S. 107ff.

10Ebd., S. 116/117.

11Ebd., S. 45.

12Ebd., S. 119/127.

13Viktor Frankl, Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrhunderten, München 1994, S. 137.

14Robert K. Merton, “The Unanticipated Consequences of Purposive Social Action”, in: American Sociological Review, Vol. 1, 1936, dt. “Die unvorhergesehenen Folgen zielgerichteter sozialer Handlungen”, in: Sozialer Wandel. Zivilisation und Fortschritt als Kategorien der soziologischen Theorie, Hans Peter Dreitzel (Hrsg.), Neuwied und Berlin 1967, S. 170.

15Alexander Ulfig, Wege aus der Beliebigkeit. Alternativen zu Nihilismus, Postmoderne und Gender-Mainstreaming, Baden-Baden 2016, S. 7ff.

16Judith Butler, Körper von Gewicht. Die diskursive Grenze des Geschlechts, Berlin 1995, S. 21.

17Karl R. Popper, “Prognode und Prophetie in den Sozialwissenschaften”, in: Ernst Topitsch (Hrsg.), Logik der Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main 199312, S. 119.

18Robert K. Merton, op. cit. 1967, S. 173.

19Ebd., S. 174ff.

20Vgl. Fritz Vahrenholt, “Unerwünschte Wahrheiten in der Klimapolitik”, in: Harald Schulze-Eisentraut/Alexander Ulfig (Hrsg.), Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Wie die Cancel Culture den Fortschritt bedroht und was wir alle für eine freie Debattenkultur tun können, München 2022, S. 103ff.

21Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, Hubert Kiesewetter (Hrsg.), Tübingen 20037, S. 11.

22Reinhard Wippler, “Nicht-intendierte soziale Folgen individueller Handlungen”, in: Soziale Welt, Jg. XXIX 1978, S. 160.

23Robert Merton, op. cit., S. 178f.

24Ebd., S. 179.

25Ebd., S. 181.

26Max Weber, Politik als Beruf, Berlin 201011.

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