Mit Humanismus gegen postmodernen Anti-Humanismus

Postmoderne Denker wie Michel Foucault, Jacques Lacan oder Jacques Derrida werden als Anti-Humanisten bezeichnet.(1) Michel Foucault, der prominenteste Denker der Postmoderne, lehnt den Humanismus sogar ausdrücklich ab.

Doch was versteht Foucault unter „Humanismus“? Aus welchen Gründen lehnt er ihn ab? Warum wendet er sich gegen die Hervorhebung der besonderen Rolle des Menschen? Und was kann man seinem Anti-Humanismus entgegensetzen?

Der postmoderne Anti-Humanismus Michel Foucaults

In einem „Gespräch mit Madeleine Chapsal“ betont Foucault:

„Die größte Last, die wir aus dem 19. Jahrhundert geerbt haben – und von der wir uns unbedingt befreien sollten -, ist der Humanismus …“ (2)

In seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“ schreibt er genauer, was er unter „Humanismus“ versteht:

„Allen, die noch vom Menschen, von seiner Herrschaft oder von seiner Befreiung sprechen wollen, all jenen, die noch fragen nach dem Menschen in seiner Essenz, jenen, die von ihm ausgehen wollen, um zur Wahrheit zu gelangen, jenen umgekehrt, die alle Erkenntnis auf die Wahrheiten des Menschen selbst zurückführen … all diesen Formen linker und linkischer Reflexion kann man nur ein philosophisches Lachen entgegensetzen – das heißt: ein zum Teil schweigendes Lachen.“(3)

Nach Foucault zeichnet sich der Humanismus dadurch aus, dass es ein Wesen des Menschen gibt, dass der Mensch das Fundament der Erkenntnis und dass er Zweck und Ziel der gesellschaftlich-politischen Praxis und der Geschichte ist. Die Emanzipation des Menschen, d.h. seine Befreiung von allen ihn behindernden Faktoren, wird von Foucault als Mythos abgelehnt.

Foucault lehnt sich in der Bestimmung und der Ablehnung des Humanismus an die Philosophie Martin Heideggers an. Für Heidegger ist Humanismus Metaphysik, weil er den Menschen als das höchste Wesen, den Ausgangspunkt der Erkenntnis und das Maß aller Dinge bestimmt.(4) Nach Heidegger ist der Mensch nicht „der Herr des Seienden“, „der Beherrscher und Besitzer der Natur“, vielmehr ist er in einen größeren, übergreifenden Weltzusammenhang, in ein „Seinsgeschehen“ eingebunden. Wichtige Erkenntnisse werden dem Menschen „von Außen“ zugesprochen. Anders formuliert: Der Mensch ist nur ein Medium, in dem ein größerer bzw. tieferer Zusammenhang (der „Sinn von Sein“) zum Ausdruck kommt.

Foucault spricht weder vom „Sinn von Sein“ noch von einem übergreifenden „Seinsgeschehen“, sondern von „Struktur“ und vom „System“:

„Man entdeckt, dass die Möglichkeit des Menschen letztlich auf einer Menge von Strukturen beruht, die er zwar denken und beschreiben kann, deren Subjekt oder souveränes Bewusstsein er jedoch nicht ist … Darum ist die zweideutige Stellung des Menschen als Subjekt und Objekt meines Erachtens heute keine fruchtbare Hypothese, kein Gegenstand fruchtbarer Forschung mehr.“(5)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Fragen nach dem Verhältnis des Menschen zur Welt, das Problem der Realität, das Problem des künstlerischen Schaffens, des Glücks und all die Obsessionen, die es gar nicht verdienen, als theoretische Probleme behandelt zu werden … Unser System befasst sich damit überhaupt nicht.“(6)

Ähnlich wie Heidegger möchte sich Foucault vom erkennenden Subjekt, vom „Ich“ verabschieden und das „es gibt“ entdecken. Er will „an die Stelle Gottes“ nicht den Menschen, sondern ein „anonymes Denken“, ein Wissen ohne Subjekt setzen.

Kennzeichnend für Foucaults Denken ist nicht nur die Ablehnung eines theoretischen, eines erkennenden Subjekts, sondern auch die Ablehnung eines Subjekts, das praktische, z.B. moralische, Ansprüche stellt:

„Ich glaube, man kann das Optimum des sozialen Funktionierens definieren, indem man es erreicht, und zwar dank eines bestimmten Verhältnisses zwischen Bevölkerungswachstum, Konsum, individueller Freiheit und Vergnügungsmöglichkeiten für jedermann, ohne sich dabei jemals auf die Idee des Menschen zu stützen.“(7)

Und weiter heißt es:

„Aber letztlich ist es nicht die Aufgabe der Philosophie, das menschliche Dasein zu erleichtern und dem Menschen so etwas wie Glück zu versprechen.“(8)

Foucault möchte Strukturen aufzeigen, die dem Menschen nicht bewusst sind, die ihn aber beherrschen. Der Mensch wird durch gesellschaftliche und psychische Faktoren determiniert; er ist nicht sein eigener Herr, womit Foucault Freiheit und Autonomie des Menschen negiert:

„Der Mensch hat die Geschichte seines Wissens nicht bewusst geschaffen, vielmehr gehorcht die Geschichte des Wissens und der Humanwissenschaften gewissen Determinanten, die sich unserer Verfügungsgewalt entziehen. Und in diesem Sinne verfügt der Mensch über gar nichts mehr: weder über seine Sprache noch über sein Bewusstsein und nicht einmal über sein Wissen.“(9)

Mit diesen Ausführungen nimmt Foucault Bezug auf Sigmund Freud und Karl Marx, denn beide Denker haben Bedingungen analysiert, die dem Menschen zunächst unbewusst sind und ihn entscheidend beeinflussen: Für Freud sind es psychische Phänomene (vor allem verdrängte Wünsche und Erlebnisse, Ge-und Verbote), für Marx in erster Linie Produktionsverhältnisse und die mit ihnen verbundene Entwicklung der Gesellschaft und der Geschichte.

Foucault denkt jedoch weder Freud noch Marx zu Ende, denn beide Denker waren Aufklärer und Humanisten, die an den Ideen der menschlichen Freiheit, Autonomie und Emanzipation festhielten.(10) Freud war fest davon überzeugt, dass der Mensch das Unbewusste bewusst machen und sich dadurch von psycho-pathologischen Störungen befreien kann. Insofern kann er nach einer erfolgreichen Psychoanalyse ein freies, selbstbestimmtes Leben führen. Marx glaubte daran, dass der Mensch durch die Änderung der Produktionsverhältnisse, die Beseitigung der Entfremdung und eine bestimmte  gesellschaftliche Praxis die gesellschaftlichen Determinanten seines Handelns aufheben kann. Nach Marx geht es darum,

alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“(11)

(Ob die Theorien von Freud und Marx richtig sind, ist hier nicht die Frage. Es geht darum zu zeigen, dass Foucault in seinem Anti-Humanismus die beiden Theorien nicht zu Ende denkt bzw. sie sogar missversteht.)

Als zentrales Merkmal des Humanismus betrachtet Foucault die Dialektik. Sie verspricht

„dem Menschen in geistiger Weise, ein authentischer, wahrer Mensch zu werden. Sie verspricht dem Menschen den Menschen, und insofern lässt sie sich nicht von einer humanistischen Moral trennen. In diesem Sinne sind die Hauptverantwortlichen für den heutigen Humanismus ohne Zweifel Hegel und Marx.“(12)

Das ist falsch, denn die Dialektik hat mit dem Menschen und mit dem Humanismus erst mal nichts zu tun. Für Hegel und Marx – bei allen Unterschiede zwischen beiden Denkern – ist Dialektik das Prinzip der gesamten Wirklichkeit (Totalität), also das Prinzip der Logik/des Denkens, des Handelns, der gesellschaftlichen Entwicklung und der Natur. Auch dem von Friedrich Engels entwickelten dialektischen Materialismus zufolge gelten dialektische Bewegungsgesetze nicht nur in der Gesellschaft und in der Geschichte, sondern auch in der unbelebten Natur.(13)

Ein weiterer Einwand Foucaults gegen den Humanismus besagt, dass der Humanismus zur Entstehung des Totalitarismus beigetragen hat bzw. als Rechtfertigungsideologie totalitärer Systeme dient:

„Wir haben heute die Aufgabe, uns endgültig vom Humanismus zu befreien, und in diesem Sinne ist unsere Arbeit politisch, zumal alle Regime im Osten wie im Westen ihre verdorbene Ware unter dem schützenden Dach des Humanismus feilbieten.“(14)

Dem kann ganz einfach entgegnet werden, dass eine Konzeption nicht schon dadurch falsch ist, dass sie falsch verstanden oder missbraucht wird. In anderen Worten: Der Missbrauch einer Konzeption sagt nichts über ihre Gültigkeit aus.

In diesem Kontext muss hervorgehoben werden, dass Foucaults Ablehnung des Humanismus vorwiegend politisch motiviert ist. Wie viele andere französische Intellektuelle war Foucault Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF), die orthodox-marxistisch und prosowjetisch ausgerichtet war. Ferner nahm sie den Humanismus, den sozialistischen Humanismus, für sich in Anspruch. Foucault war von dieser orthodox-marxistischen und prosowjetischen Haltung der KPF enttäuscht und trat aus ihr aus. Er ist wie viele andere vom Marxisten zum Relativisten und Postmodernisten mutiert.

Summa summarum kann behauptet werden, dass Foucaults Anti-Humanismus auf politischen Vorlieben und Entscheidungen, Missverständnissen, Fehlinterpretationen, Widersprüchen und fehlender Differenzierung beruht. Beispielsweise lehnt er einerseits das Subjekt ab, seine Philosophie, insbesondere seine Spätphilosophie, kann aber andererseits geradezu als eine Zelebrierung der Subjektivität im Sinne einer Selbstgestaltung und Selbstverwirklichung des Subjekts und einer „Sorge um sich“ aufgefasst werden.(15) Dieser scheinbare Widerspruch gründet darin, dass Foucault nicht zwischen dem erkennenden Subjekt im Sinne des cartesianischen cogito und der Subjektivität als einem Innenraum von Erfahrungen unterscheidet.

Des Weiteren steht Foucaults (theoretische) Ablehnung des Humanismus in einem Widerspruch zu seinem politischen (humanistischen?) Engagement. Er setzte sich für die Rechte von Homosexuellen, Insassen von Gefängnissen und psychiatrischen Anstalten ein, half vietnamesischen Boatpeople, protestierte gegen die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen (1981) und die Niederschlagung der Gewerkschaft Solidarnosc.

Für einen nicht-essentialistischen Humanismus

Nach Michel Foucault ist der Humanismus eine essentialistische Weltanschauung, die es abzulehnen gilt. Der Humanismus geht davon aus, dass es eine Essenz, ein Wesen des Menschen gibt, der Mensch das Fundament der Erkenntnis im Sinne des cartesianischen cogito, ferner Zweck und Ziel der Geschichte ist. Die Ideale der Autonomie, Freiheit und Emanzipation werden von Foucault als Mythen bezeichnet, die überwunden werden sollten.

Im Folgenden werde ich zeigen, dass Foucaults Bestimmung des Humanismus falsch ist, dass der Humanismus nicht-essentialistisch verstanden werden kann und dass man sich an seinen Idealen bzw. Ansprüchen heute immer noch orientieren kann.

Humanismus ist im weitesten Sinne eine Auffassung, der zufolge der Mensch mit all seine Fähigkeiten, insbesondere den geistigen Fähigkeiten (heute würde man sagen: höheren kognitiven Fähigkeiten), im Zentrum des Interesses steht. Autonomie, Freiheit, Würde und Entfaltung des Menschen sind zentrale Ideale des Humanismus. Alles, was den Menschen an der Verwirklichung dieser Ideale hindert, soll aufgehoben werden. Die Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten gilt dabei auch als Bildungsideal.(16)

Der Grundsatz des Humanismus lautet:

„Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd.“ (Terenz)

Für den Renaissance-Humanismus (14.-16. Jahrhundert) ist der Prozess der Abwendung vom mittelalterlichen, auf Gott und das Jenseits gerichteten Weltbildes und die damit zusammenhängende Hinwendung zum Menschen charakteristisch. Dazu gehören genauer folgende Merkmale: die Wiederbelebung des Studiums der Antike, das Vertrauen in die menschliche Erkenntnisfähigkeit, der Ruf nach uneingeschränkter, freier und schöpferischer Entfaltung des Menschen, nach seiner Selbständigkeit, Selbsterkenntnis und Freiheit, die Entfaltung der Individualität. Die Hinwendung zum Menschen kommt besonders stark in der Kunstproduktion zum Ausdruck.(17)

Ähnliche Merkmale weist die Aufklärung (16.-18. Jahrhundert) auf, die als eine humanistische Geistesbewegung betrachtet werden kann. Der Mensch soll auf Tradition und Autorität zurückgreifende Ansichten einer kritischen, sich an der menschlichen Denkfähigkeit (Vernunft) orientierenden Prüfung unterziehen und diese Ansichten, falls sie der Prüfung nicht standhalten, revidieren.

Der deutsche Aufklärer Immanuel Kant definiert die Aufklärung auf folgende Weise:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Erschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“(18)

Der Mensch soll nicht unkritisch den Meinungen der Autoritäten folgen, sondern selbst nachdenken. Er ist im Denken auf sich selbst gestellt (autonom). Als Richtmaß gilt ihm dabei die menschliche Vernunft, also bestimmte Regeln des Denkens. Kant appelliert daran, die dem Menschen innewohnenden Fähigkeiten wie selbständig denken, kritisieren, Entschluss fassen und mutig sein in Anspruch zu nehmen, um zu einem besseren Verständnis seiner selbst und der Welt zu gelangen sowie die Lebensbedingungen zu verbessern.

In praktischer Hinsicht bedeutet es, dass der Mensch nicht nur im Denken, sondern auch im Handeln autonom ist. Er kann sich die Ziele und Prinzipien seines Handelns sowie seine moralischen Gesetze selbst setzen. Insofern ist er frei.

Von besonderer Bedeutung ist für Kant, dass der Mensch kein Mittel für andere Zwecke, z.B. für Wirtschaft, Staat, Politik, Macht usw., sondern „Zweck an sich selbst“, Selbstzweck ist. Darin gründet die Würde des Menschen. Autonomie, Freiheit und Würde sind somit zentrale aufklärerisch-humanistische Ideale.

Kants Begründung des Denkens und Handelns kann zwar als fundamentalistisch gedeutet werden, insofern er von letzten, nicht-hintergehbaren Prinzipien und Postulaten ausgeht (vom „Ich denke“, das jede Erkenntnis begleitet und die Einheit der Erkenntnis gewährleistet, sowie von den drei Vernunftbegriffen Freiheit, Unsterblichkeit und Gott), doch dieser Rekurs auf ein nicht-hintergehbares Fundament des Denkens und Handelns ist m. E. nicht notwendig, um von einer besonderen Rolle des Menschen zu sprechen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten zu fordern.

Der Mensch ist das einzige uns bekannte Lebewesen, das mit höheren kognitiven Fähigkeiten ausgestattet ist. Anders formuliert: Ohne den Menschen gäbe es keine Erkenntnis, und zwar Selbst- und Welterkenntnis. Ohne den Menschen gäbe es auch keine soziale Welt mit all ihren moralischen und politischen Ansprüchen. Deshalb kann Foucaults Rede vom „Ende des Menschen“(19) nur als schlechte Rhetorik bezeichnet werden.

Zum Humanismus gehört wesentlich die Forderung nach Menschenrechten. Menschenrechte sind

„Rechte, die dem Menschen als Menschen zukommen, d.h. allein auf Grund seines Mensch-Seins und die mit seinem Mensch-Sein untrennbar verbunden sind.“(20)

Daraus folgt, dass ein Menschenrecht für jeden Menschen gelten soll, und zwar

„ohne irgendeine Unterscheidung, wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, politischer und sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, nach Eigentum, Geburt oder sonstigen Umständen.“(21)

Menschenrechte wurden in mehreren Menschenrechtserklärungen (z.B. von 1948 und 1966) formuliert und als Grundrechte in Verfassungen einzelner Länder aufgenommen. Die humanistischen Ideale Freiheit, Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit finden in den Menschenrechten ihren Ausdruck.

Als unumstritten gelten die elementaren Menschenrechte, wie das Rechte auf Leben oder die Unversehrtheit der Person. Daneben stehen Freiheitsrechte, die das Individuum vor möglichen Übergriffen des Staates schützen sollen, wie z.B. Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit  und Freizügigkeit. Zu den klassischen Freiheitsrechten kamen im Laufe der Zeit soziale Rechte, wie das Recht auf  Arbeit, auf soziale Sicherheit, Versorgung im Alter, hinzu.

Menschenrechte sind Ansprüche, die jedem Menschen zugestanden werden sollen und die jeder Mensch gegenüber staatlichen und nicht-staatlichen Instanzen einfordern kann. Sie entspringen einer humanistischen Grundhaltung. In anderen Worten: Der Humanismus ist der Orientierungsrahmen, in dem solche Ansprüche entstehen können und gestellt werden können.

Summa summarum kann Folgendes behauptet werden: Der Mensch besitzt Fähigkeiten, die ihn ausmachen, auszeichnen und die es zu entfalten gilt. Zu ihnen gehören: denken, erkennen, sich selbst erkennen, mit anderen mit Hilfe von Zeichen kommunizieren, sich Ziele setzen und sie verwirklichen, nach Regeln handeln, Ideale und Prinzipien aufstellen und sich nach ihnen richten. Die Thematisierung und die Förderung dieser Fähigkeiten ist das Ziel des Humanismus.

Außerdem ist der Mensch in der Lage, Ansprüche/Rechte zu formulieren und einzufordern, die sein Leben menschenwürdig machen und das Funktionieren der Gesellschaft erst ermöglichen.

Erich Fromm, einer der größten Humanisten des 20. Jahrhunderts, hat in seinem „Credo eines Humanisten“ einige Faktoren genannt, die eine humanistische Lebensorientierung kennzeichnen.(22) Auch Fromm lehnt eine essentialistische – in seinen Worten „substantialistische“ – Bestimmung des Menschen ab. Trotzdem hält er am Humanismus fest. Zu den Faktoren des Humanismus gehören u.a.:

Freiheit. Nach Fromm ist Freiheit „keine konstante Wesenseigenschaft“, sondern einerseits ein „Akt der Selbstbefreiung“, andererseits die Freiheit, wählen zu können. Fromm unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen „frei von“ (frei von inneren und äußeren Bindungen) und „frei zu“ (frei zu schöpferischem und kreativem Tun). Mit Marx und Freud hebt er hervor, dass der Mensch zwar von ihn behindernden sozialen und psychischen Faktoren bestimmt (determiniert) ist, sich jedoch von diesen Faktoren befreien (emanzipieren) kann. Konkret bedeutet es für den Psychoanalytiker Fromm, dass sich der Mensch einer Psychoanalyse unterzieht, in der er sich von den ihn hemmenden Faktoren befreien kann. Freiheit ist Fromm gemäß die Fähigkeit,

„der Stimme der Vernunft und des Wissens zu folgen und den Stimmen irrationaler Leidenschaften zu widerstehen. Sie ist die Befreiung, die den Menschen freispricht und ihm den Weg ebnet, seine eigenen vernünftigen Fähigkeiten zu gebrauchen, die Welt in ihrer Objektivität zu verstehen und den Platz, den der Mensch darin einnimmt, zuerkennen.“(23)

Gleichheit. Fromm zufolge trägt jeder Mensch die Menschheit in sich. Trotz Unterschiede bezüglich Intelligenz, Begabung, Körperbau usw. haben alle Menschen – wenigstens der Möglichkeit nach – bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften, wie z.B. die Fähigkeit zu denken, handeln, lieben, Gutes oder Schlechtes zu tun usw. Das bedeutet nicht, dass Fromm für Gleichmacherei ist. Das Ziel eines Menschen soll ja gerade die Herausbildung seiner Individualität sein. Um das zu erreichen, muss er sich von Bindungen an seine Gruppe, also an seinen Klan, seine “Sippe”, die eigene Nation, Religion, Rasse (heute könnte man auch noch das eigene Geschlechte dazu zählen) lösen.

Brüderlichkeit. Zwar soll die Herausbildung der Individualität ein zentrales Anliegen eines jeden Menschen sein, doch er muss auch in der Lage sein, über sich selbst hinauszugehen, sich selbst zu transzendieren. Nur auf diese Weise könnte er andere Menschen verstehen und eine solidarische Gemeinschaft aufbauen. Fromm betont in Anlehnung an Kant, dass der Mensch nicht als Mittel, als Instrument des Anderen, sondern als Selbstzweck aufgefasst wird. Um als Selbstzweck betrachtet zu werden, um brüderlich und solidarisch zu handeln, müssen allerdings gesellschaftliche Veränderungen eintreten. Zu ihnen gehört in erster Linie die Überwindung der Entfremdung, und zwar sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene.

Quellen

(1) Luc Ferry/Alain Renaut, Antihumanistisches Denken. Gegen die französischen Meisterphilosophen, München 1987.

(2) Michel Foucault, Schriften in vier Bänden, Band I 1954-1969, Frankfurt am Main 2001, S. 667.

(3) Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt am Main 1971, S. 412.

(4) Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit. Mit einem Brief über den „Humanismus“, Bern 1947.

(5) Michel Foucault, op. cit. 2001, S. 779.

(6) Ebd., S. 667/668.

(7) Ebd., S. 790.

(8) Ebd., S. 701.

(9) Ebd., S. 841.

(10) Vgl. Erich Fromm, Jenseits der Illusionen. Die Bedeutung von Marx und Freud, Reinbek b. Hamburg 1981.

(11) Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx-Engels-Werke, Band I, Berlin 1956, S. 385.

(12) Michel Foucault, op. cit. 2001, S. 699.

(13) Friedrich Engels, Dialektik der Natur, in: Marx-Engels-Werke, Band 20, Berlin 1962.

(14) Michel Foucault, op. cit. 2001, S. 668.

(15) Vgl. Michel Foucault, Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit II, Frankfurt am Main, 1995 und Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit II, Frankfurt am Main 1995.

(16) Alexander Ulfig, „Humanismus“, in: Ders., Lexikon der philosophischen Begriffe, Wiesbaden 1997, S. 181.

(17) Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch, Leipzig 1926.

(18) Immanuel Kant, Was ist Aufklärung?, Stuttgart 1974.

(19) Michel Foucault, op. cit., 1971, S. 460f.

(20) Siegfried König, Zur Begründung der Menschenrechte. Hobbes – Locke – Kant, Freiburg (Breisgau) 1994, S. 26.

(21) Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, Artikel 2.

(22) Erich Fromm, „Credo eines Humanisten (1965)“, in: Ders., Humanismus als reale Utopie. Der Glaube an den Menschen, Weinheim/Basel 1992, S. 113ff.

(23) Ebd., S. 117.

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1 Antwort

  1. … auch wenn ich den Beitrag nicht in allen Details verstehe, scheint mir der zentrale Punkt zu sein, dass Foucault an einem entscheidenden Punkt hinter Kant zurück bleibt: Kant sieht, dass Wahrnehmung und Erkennen aus dem Subjekt kommt und daraus seine Eigengesetztlichkeit gewinnt. Der so formulierte “Konstruktivismus” ist wohl auch biologisch bedingt: Es gibt keine direkte Wahrnehmung der Welt, sondern wir konstruieren sie nach unseren Gesetzen. Foucault landet, weil er dies nicht anerkennen kann in einem merkwürdigen Relativismus, in dem dann imaginäre und letztlich irrationale Kräfte wie “Struktur” oder “System” wirken; auf mich wirkt das wie ein philosophischer Rückschritt, indem man das im Kern Revolutionäre der Aufklärung “wegdefiniert” und damit eine merkwürdige Aert von Mystizismus an seine Stelle setzt (daher auch die Nähe zu Heidegger); ich kann das aber nur intuitiv formulieren und wäre daher gespannt, ob es hier auch einen fundierteren Argumentationsgang gibt, …

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